Meine Entscheidung ist gefallen

 Nachdem ich in mich gegangen bin, gemerkt habe, dass ich gerade nicht ganz glücklich bin, habe ich beschlossen in Pristina meine Pilgerwanderung zu beenden. Ich werde zu Hause alles überdenken und mit Abstand betrachten, um dann zu entscheiden ob und wie der Weg weitergeht. Ich habe Holger gebeten zu schauen, wie ich zurück komme. Mit dieser Entscheidung werde ich etwas ruhiger und kann schlafen.

Morgens klingelt der Wecker früh und ich fühle mich viel besser und laufe in den letzten, den 101. Pilgertag. Schon nach den ersten Metern melden sich die Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung an. Ich zweifel an mir und meiner Entscheidungsfähigkeit und beschließe zu laufen, in diesen letzten Tag und heute Abend nochmals alles zu überdenken.

Vushtrri ist am Sonntag morgen ausgestorben und nicht eine Möglichkeit für einen Kaffee lässt sich finden. Es geht aus dem Ort hinaus ins freie Feld und am Fluss entlang, der mehr eine Kloake als ein Gewässer ist. Überall liegt wieder Müll und die Hunde sind auf Futtersuche, sodass wir ungestört laufen können.

Der Sonnenaufgang ist wieder wunderschön und lässt mich hoffen.


Wir kommen über eine Brücke, die das Dilemma des Balkans versinnbildlicht: gut begonnen, nicht zu Ende gebracht.



Heute laufen wir an mehreren Gedenk- Orten des Krieges vorbei und ich denke, hoffentlich sind sie nicht umsonst gestorben und es bleibt hier friedlich.



Wir kommen durch kleine Dörfer, wo die Regierung in Fußwege investiert hat (hier wo wenig Verkehr ist). Doch niemand pflegt sie und so sind sie bald nicht mehr begehbar.



Dann begegnen wir wieder einem Hunderudel, dass sofort, ohne dass wir etwas getan haben, die Flucht ergreift. Ich bin darüber mehr als verwundert.


Ein PKW fährt vor uns auf den Weg und es ist auch ein Urlaubs- Heimkehrer aus Deutschland. Er fährt sehr langsam durch die Schlaglöcher und wir holen ihn fast wieder ein.


Die Sonne scheint wieder kräftig und der Blick in die Landschaft ist grandios. 


Am Wasserkanal laufen wir weiter und sehen immer wieder die Sommerhaus -Bauten der Albaner aus dem Ausland. Es gibt jede Menge deutsche, schweizer und österreichische Kennzeichen und vereinzelt Finnland und Schweden.



In den kleinen Orten gibt es weder einen Kaffee noch etwas zu essen. Meine 2 Liter Wasser neigen sich dem Ende zu. 
Wir kommen zu dem kleinen Dorf Priluzje ( mit Fußweg) an dessen Anfang die Polizeistation steht. Erst halte ich es für einen Scherz, aber tatsächlich arbeiten die Beamten in der Kate.


In der Ferne sehen wir ein riesiges Kohlekraftwerk aus dessen Schlot eine braune Wolke in den Himmel aufsteigt. Im Ort selbst ist der Müllgeruch sofort wieder in der Nase. Die Katen der Bewohner (Roma?) sind Blechhütten hinter Toren und wenn ich auf die Höfe schaue, bedrückt mich diese bittere Armut sehr.





Wenn ich diese "Häuser" sehe, Frage ich mich, warum in Fußwege und nicht in richtige Häuser investiert wurde.
Im Dorf gibt es einen Kiosk, wo ich kaltes Wasser und 2 Nektarinen zum Frühstück finde.
Am Ende des Dorfes ist ein riesiges Feld verbrannter Erde und neuer Müll wird wieder abgeladen. Ich muss wieder mein Tuch vor den Mund pressen, weil es mich würgt. Verbranntes liegt in der Luft. Dass ist das größte Problem in Serbien und im Kosovo. Nirgends gibt es Verbrennungsanlagen, Recyclingshöfe, Sortieranlagen...es gibt schon Mülltonnen, aber die Entsorgung funktioniert nicht.




Das Sonnenblumen - Feld vor dem Kraftwerk soll heile Welt zeigen. Doch dieses Kraftwerk ist das größte im Kosovo und das emmissionsschädlichste in ganz Europa, deshalb gibt es Auflagen der EU und soll ab 2026 saniert werden.


Alle Schleusendeckel auf den Fußwegen fehlen und so wird improvisiert oder auch nicht.

Wir kommen nach Obiliq, wo es endlich einen Kaffee und etwas zu essen gibt. Der Chef des Hauses spricht uns an. Er hat während des Krieges in Deutschland gelebt und ist danach zurück gekommen. Er fragt die Standardfrage und als wir erzählen, kommt es wieder: hier sind wir sicher, aber in Serbien... Hier entwickelt sich viel...als wir von der Luftqualität ( es riecht extrem) reden, meint er man gewöhnt sich an alles und das Werk sei sehr modern. Neue Filter...gute Luft. Jedem seine Wahrheit, denke ich.



Als wir aus dem Ort laufen fährt gerade ein Autocorso einer Hochzeit los und hupt und winkt uns. 

Wir kommen an einer Moschee vorbei und bestaunen einen riesigen Maulbeerbaum.




Dann beginnen die Vororte von Pristina und ich staune über die Menge an Fahrrädern die am Straßenrand angeboten werden, wo hier kaum jemand Rad fährt und Radwege erst spärlich am entstehen sind.



Der Himmel verdunkelt sich und noch haben wir ein paar Kilometer vor uns. Am Monument "Battle of Kosovo" müssen wir den Ausweis abgeben, dann dürfen wir es besichtigen. Da auf der Treppe im Aufgang schon ein Hund liegt, nirgends Licht ist und der Himmel immer dunkler wird, lassen wir den Aufstieg und gehen weiter.

Nun laufen wir über einen Feldweg und der Regen kommt prompt am letzten Tag auf den letzten Kilometern. Also noch einmal Regencape raus und Schlamm- Plateausohlen, dass es mir fast die Schuhe auszieht.


In Pristina kaufen wir zuerst Wasser, da ich schon wieder das Gefühl habe zu verdursten. Der Regen hat aufgehört. Dann laufen wir durch das Gewirr von Straßen und auch in der Hauptstadt sind die  elektrischen Leitungen ein einziger " Strippensalat".



In diese Bar flüchten wir, als der nächste Regenguss einsetzt und dann suchen wir unser Luxus- Apartment.


Wir suchen und finden und es ist wunderbar sauber, aber es fehlt das 2. Bett. Also kuscheln wir die letzte Nacht.


Nach dem Duschen lasse ich den Tag an mir vorüber ziehen und 39 km sind geschafft. Heute habe ich noch einmal alles erlebt, was mich die letzten Tage zweifeln ließ. Ja, ich bin mir sicher, hier ist morgen Schluss für mich. Ich werde alles sacken lassen und dann mir Gedanken machen, wie und ob es für mich auf dem JW weitergeht. Ich rufe Holger an und sage ihm, dass meine Entscheidung fest steht. Nun organisieren wir die Rückreise. Es gibt ein Busunternehmen, dass mich direkt nach Leipzig bringen würde...23 Stunden Fahrt wären vielleicht machbar, allerdings vertraue ich weder dem Bus noch den Straßen, schließlich bin ich an den Straßen gelaufen und habe auch im Bus gesessen. Mit dem Zug ist es nicht möglich. Also bleibt mir nur fliegen. Zwei Stunden Flugangst überwinden sollte einfacher sein, als im Bus die Angst 23 Stunden auszuschwitzen. Holger sucht einen Flug und zeitlich passt es, dass Ursula mich durch den Flughafen- Dschungel begleiten kann. Der letzte Freundschaftsdienst. Als alles erledigt ist, gehen wir essen und lassen es uns gut gehen.

Heute morgen klingelt kein Wecker und als ich 7:30 wach werde, denke ich es ist die richtige Entscheidung und bin froh sie getroffen zu haben. Ursula hat schon ihre Schlammschuhe gereinigt und kocht Kaffee. Ich packe schon Mal den Rucksack flugsicher und dann gehen wir auf die letzte gemeinsame Runde. 



Die Moscheen prägen das Stadtbild und wir dürfen sie nur von draußen sehen.





Ich versuche ein paar Bildeeinstellungen zu finden, die die Stadt wiederspiegeln. Sie hat so viele Facetten und alt und neu sind dicht beieinander. Die "Bookinisten" erinnern mich an Paris. Die brutalen Betonbauten an die sozialistische Architektur.









       Florales gestalten😃



In der Mutter- Theresa- Kirche empfängt uns der Pfarrer. Er zeigt uns stolz die noch nicht ganz fertig gestellte Kirche, die auch ein Ort der Versöhnung sein soll. Wir bekommen eine kleine Führung und den Stempel in den Pilgerausweis. Ich zünde zwei Kerzen an. Eine für das Ende meiner behüteten Pilgerreise und eine für all die lieben Menschen, die ich getroffen habe, die mich unterstützt haben und an mich glauben.






       Das Bill- Clinton- Boulevard.



Diese katholische Kirche wurde uns vom Pfarrer noch ans Herz gelegt, doch sie ist geschlossen.
Dafür werden wir auf der gegenüberliegenden Seite von einem jungen, orthodoxen Priester angesprochen, der uns seine Interimskirche ( in einer Wohnung) zeigt und dem es eine Ehre ist ( sagt er) uns einen Stempel zu geben, als wir erzählen, dass wir Pilgerinnen sind. Auch hier erfahren wir einen kleinen Geschichtsanriss.


Wir verabschieden uns und laufen zur Bibliothek. Von außen grässlich, aber innen finde ich doch gelungene Details.


       Das für mich hässlichste Gebäude ist die                 Bibliothek der Uni.







Aber auch das gibt es, eine sich selbst überlassene Kirche, die auf ...was? ....wartet?

Nun ist es Zeit für ein letztes Balkan- Essen und das finden wir.



Im Apartment gehen wir nochmal duschen ( ich habe ja 2 Nächte gebucht) und dann laufen wir zum Busbahnhof und das Abenteuer Fliegen beginnt. Der Bus fährt erst in einer Stunde, was uns Google nicht verraten hat. Also trinken wir etwas und fahren, oder besser zuckeln wir zum Flughafen, denn es ist Rushhour.

Irgendwann heißt es Abschied nehmen. Wir sind vier Wochen zusammen gepilgert, haben uns besser kennengelernt, uns vertraut, uns Mut gemacht, Gedanken ausgetauscht, Episoden aus dem Leben erzählt, gemeinsam gelacht und gelitten. Was für eine Zeit. Ich danke ihr von Herzen. 




Ja und wenn ihr das liest, bin ich schon wieder in Deutschland, denn ich habe es in der Abflughalle getippt und bräuchte noch W-Lan um die Bilder zu laden. 


Kommentare

  1. Danke liebe Bruni für deine Berichterstattung. Ich denke auch dass du den richtigen und gut überlegten Schritt getan hast. Meine Bewunderung hast auf jeden Fall , was du alles erleben durftest und musstest.
    Vielleicht bist du wieder mal in Görlitz und wir könnten gemeinsam einen Kaffee trinken , oder bei Susannes Gab mal innehalten und an gemeinsame Zeiten denken.
    Ich wünsche dir gute Erholung und sei ganz lieb gegrüßt von Regina

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