Die letzten Tage brechen an

Am Montag, unseren nunmehr 30. Wandertag, stehen wir zeitig auf. Wir trinken nur einen Kaffee und sind dann in den Startlöchern, denn unser Farmer steht um 7:30 Uhr vor der Tür. Holger fragt ihn aus und so erfahren wir, dass er Oliven und Kiwi anbaut. Sein Jahresernte sind etwas 100 Tonnen Kiwis, die zu 80% in den Export gehen. Er arbeitet mit neuster Technik von zu Hause aus, alles läuft Computergesteuert. Den meisten Aufwand erfordert die Bürokratie. Zu Stoßzeiten ( verschneiden, ernten) beschäftigt er 10-15 Leute, meist Albaner. Er steht 6 Uhr morgens auf und ist spätestens 12 Uhr fertig. Jetzt verstehe ich, wieso die griechischen Männer soviel in den Bars sitzen können. Ich stelle mir vor, was die deutschen Bauern dazu sagen würden, die doch so viel mehr ackern.

Er fährt uns nach Diomidis, weil wir dadurch die Etappe, die wieder durch völlig offenes Gelände führt, um 3 Kilometer verkürzen. Aus dem Ort geht es in die Weite der Ebene und wir ziehen an den Bergen in der Ferne vorbei. An einem schönen Bildstock geht es wieder in die Felder und auch hier ist ein Sonnenblumenfeld am Blühen.



Nach 7 Kilometer durch Mais- Getreide und Sonnenblumenfelder erreichen wir Genisea.

Auf dem Dorfplatz im Schatten setzen wir die Rucksäcke ab und Holger besorgt uns Frühstück.


Im Ort erblicken wir ein übervolles Storchennest und staunen, wie groß die Jungen schon sind. Da wird es eng im Nest.



Eine Zypressenhecken steht leider auf der falschen Seite, sodass auch heute kein Schatten zu erwarten ist. Die Etappen im Delta haben ein gewissen Gleichklang: Weg- Hitze- Felder, Oliven- und Kiwi- Plantagen. Heute haben wir das Glück aller 7 km eine Ortschaft zu finden und dort etwas kaltes trinken zu können, denn unser Wasser hat Mittags schon Badewassertemperatur und Nachmittags könnte man Nudeln darin kochen. Selbst um den Kopf zu kühlen ist dann das Wasser zu warm.



Vor Koutso entdecken wir ein "intelligentes" Solarfeld. Die Module sind auf einem beweglichen Kreis montiert und können sich so immer zur Sonne hin ausrichten. Kurze Pause vor dem Supermarkt und dann läuft es wieder.


Nach sieben Kilometern kommen wir nach Nea Kessani und können das 1. mal den Vistonida - See aus der Ferne sehen.


Im Ort gibt es jede Menge Storchenhorste voller kinderreicher Storchenfamilien und das Geklapper tönt lustig durch den Ort. Am witzigsten ist, dass die ( vermutlichen) Männchen aus den Nestern vertrieben sind und immer auf der gegenüberliegenden Laterne stehen. 



Nach unserer obligatorischen Trinkpause vor dem Supermarkt nehmen wir das letzte Stück des Weges unter die Füße. Ein Weg zwischen alten Olivenbäumen führt uns direkt in Richtung See. Doch leider geht es nicht am Ufer entlang, sondern zwischen Olivenhainen, Mandelbäumchen, Spargelfeldern...




Am Ende müssen wir wieder vier lange Kilometer an der E 02 entlanglaufen, doch es gibt einen Randstreifen, der und ein gewisses Sicherheitsgefühl gibt 
Vor Porto Lagos hat der See einen Abfluss ins Thrakische Meer und das Brückengeländer ist schon ein paar Jahre kaputt. Das Laissez- faire ist immer wieder erstaunlich.




In Porto Lagos sehen wir ein Schild von einem Hotel und laufen hin. Ein Auto fährt an uns vorbei, stoppt dort und fährt weiter. Da wissen wir es schon, es ist nicht mehr. Tatsächlich steht es zum Verkauf. Also wer will im griechischen Nirgendwo ein Hotel übernehmen. Hier ist der Kontakt.😉



Wir laufen zu "Porto Lagos- Rooms", dass bei booking den stolzen Preis von 78€ für ein kleines Zimmer aufruft. Als wir ankommen, steht der Chef im Garten. Wir fragen nach einem Zimmer. Er fragt, ob wir gebucht haben. Als wir verneinen, meint er, er hat eines. Holger fragt, ob nach hinten raus, denn vorn ist die E 02, unsere Schicksalsstraße.🫣
Nur ein großes Zimmer, mit Einzelbetten, in einem Gartenhaus und ohne Küche. Holger fragt, was es kostet und die Antwort ist herrlich: 60€ Bar oder 68€ mit Karte. Klar, dass wir Bar bezahlen. Holger kann es nicht glauben, dass ihm das passiert. Ich sage, er soll es doch als Aufhänger für seine Abschiedsrede nehmen, wenn er seinen Nachfolger im Amt begrüßt.



Wir gehen zum Hafen, doch der Laden hat noch zu. Ein Katamaran liegt im Hafen und ein Auto mit deutschem Kennzeichen steht davor. Ich schwatze den Kapitän an und wir haben ein sehr interessantes Gespräch über Aussteiger in Paraguay, wohin er auf dem Weg ist. Der Typ ist auch gerade in Pension gegangen und war viele Jahre für den deutschen Wetterdienst tätig. Seine Frau lebt schon seit 10 Jahren dort und nun macht er seine Leinen los.
Im Laden kaufen wir uns etwas zu Essen und setzen uns in den romantischen Garten unserer Unterkunft an dem See. Der Sonnenuntergang ist wunderbar.



Am nächsten Morgen frühstücken wir und ziehen dann auf der E 02 weiter. Am Ortsausgang entdecken wir das Gelände des Weihnachtsmarktes von Porto Lagos.


Kaum aus dem Ort hat sie natürlich keinen Randstreifen, aber der Verkehr ist noch moderat. Wir laufen bis zum Monastery Nikololaos, dass auf einer Insel liegt. Am Steganfang ist ein Pförtnerhaus und der nette Mann gibt mir einen braunen Wickelrock, damit meine Knie nicht zu sehen sind. Sehr elegant. Das Kloster liegt friedlich im See, Katzen balgen sich im Klostergarten und vor der Kirche steht ein riesiger Baum, der Schatten spendet. Ein friedlicher, schöner Ort.






Wir laufen auch noch zur Kapelle, bevor ich im Souvenirladen einen Bruder nach dem Stempel frage. Erstaunlicher Weise ist es hier nicht schwierig, es dauert nur ein Weilchen, weil er erst eine Vertretung rufen muss, um dann den Stempel holen zu gehen. Doch Zeit ist nicht unser Problem und Holger redet inzwischen mit einem Deutsch- Griechen.



Wir gehen weiter und an dem Kloster hat die E02
wieder einen Randstreifen, sodass wir entspannter laufen. Am Rande stehen " Lost places" in wunderschöner Kulisse. Wir sehen auch wieder Pelikane.



An einer großen Kreuzung verlassen wir die Straße. Ein Runddorf- Museum am Wegesrand wird gerade ausgebessert und wir grüßen über den Zaun.


Jetzt geht es wieder geradeaus durch weite Getreidefelder. Heute sind ein paar Wolken am Himmel, sodass die Hitze etwas gedämpft ist und ab und an weht ein laues Lüftchen. Es ist noch recht angenehm zu gehen.



Der Boden ist an manchen Stellen schuppenartig ausgedörrt und erinnert mich an Schokolade. Wenn ich darauf trete, knackt es genauso, wie wenn man in Schokoladeblättchen beißt. Plötzlich habe ich Heißhunger auf Schokolade! Sechs Wochen ging es ohne und nun kann ich an nichts anderes mehr denken.




Doch die Straße zieht sich. Nach 12 km kommen wir nach Mesi, wo es einen Laden gibt. Mit Cola und Radler ( inzwischen trinke ich das 1. Radler schon vor 12 Uhr🤔) setzen wir uns in einen kleinen Pavillon und essen dazu unser Käsebrot. Danach gehe ich nochmal rüber, denn ich möchte Schokolade. Ich finde nur ein Lila- Pause- Riegel, doch der hilft. Holger isst ein kleines Eis und dann geht es weiter. Das Eis habe ich geschenkt bekommen. Wie lieb.
Als Holger merkt, dass wir noch 13 km auf der Straße laufen müssen, ist er auch nicht zufrieden. Bei Maps sah es anders aus. Ich halte dagegen, dass es eine ganz kleine Straße ist, wo sehr wenig Verkehr herrscht ( ein paar Trecker und Pick- Ups). Heute muss er durch und so laufen wir stundenlang und die Sonne kommt heraus. Immer wieder halten wir zum Wasser trinken an, doch hinsetzen ist nicht. Am Straßenrand liegt eine große tote Schlange, später ein Dachs und die Straße selber hat viele schwarze " Flecken", welche beim genaueren Hinsehen platt gefahrene Mini- Frösche sind.







Dann kommen wir an einer riesigen Baumplantage vorbei und ich glaube, es sind Quitten.


Das Band schlängelt sich durch die Landschaft und die Felder werden weniger, denn nun kommen wir in den Ostmazedonischen und Thrakischen Nationalpark. Die Landschaft ist hier steppenartig.



Holger entdeckt die solarbetriebenen Straßenlampen mitten im Nirgendwo und vermutet, dass EU- Gelder für die Infrastruktur des Nationalparks gab.


Ja und dann erleben wir noch ein Highlight nach 26 km. Ein Schild zeigt eine Umleitung von 2,5 km über einen Feldweg zu einer Brücke, weil die Brücke "gerade" aus kaputt ist.


Ein zweites Schild weißt auf das Wasser hin.


Wir kommen an und können die Brücke nicht erkennen. Es fließt einfach Wasser über die Straße. Wahrscheinlich ist die Brücke schon seit Jahren nicht mehr existent.
Wir ziehen die Socken aus und waten in Schuhen durch. Der Beton ist sehr glitschig und das Wasser hat eine gute Strömung.


Auf der anderen Seite merken wir, wie schwer unsere Schuhe sind, wenn sie voll Wasser sind. Das müssen wir uns merken, denn so könnten wir nicht mehr 10 oder mehr Kilometer laufen. Wir schaffen die letzten 3 Kilometer des Tages mit frisch gewaschenen Schuhen und erfrischten Füßen.

Kurz schaue ich an der Kirche von Imeros hinein und dann gehen wir zum Laden und trinken kalte, griechische Limo. 



An unserem Ferienhaus ( laut Booking habe ich ein ganzes Haus gemietet) stelle ich fest, dass es ein Appartement- Haus ist und wir nicht allein sind. Etwas enttäuscht bin ich schon. Die Einrichtung ist okay, es ist sauber nur das Bad ist etwas klein und so muss man aus der Dusche über die Toilette steigen, aber dass schaffen wir.



Wir ziehen nochmal los zum Einkaufen, da es kein Restaurant in fußläufiger Nähe gibt. Dann die übliche Pilgerroutine bis zum Abendessen. Mit unserem Picknick sitzen wir abends auf dem Balkon und genießen den Ausblick und unser leckeres Mahl. 
Dann machen wir uns Gedanken über die Rückreise, die doch komplizierter ist als gedacht. Von Alexandropoli nach Thessaloniki, dann nach Sofia, Belgrad, Budapest bis nach Passau. Das sind mindestens 4 Tage und 3 Übernachtungen und der Zugpreis von Budapest ist mit etwas über 200€ auch fett und mit 7 min Umstiegszeit, klappt sowieso nie. Dass hatten wir ja auf der Hinfahrt schon erlebt. Holger ist bei dem Gedanken an 3 Tagen Bus und noch evt. einem Wartetag, weil nicht jeden Tag die Ziele angefahren werden, genervt. Wahrscheinlich werden es eher 5 Tage. Was nun? Fliegen? Kostet mit bequemen Stuhl und Gepäck 230€ plus Übernachtung in München und Bayernticket bis Schöllnach. Alles in allem in nur 2 Tagen. Ich fliege nicht gern, weil ich Panik bekomme, doch hoffe ich, dass Holger mir das Händchen hält und es nicht so schlimm wird. Nach allem für und wieder, bucht Holger den Rückflug und ich denke nur: Nun geht es viel zu schnell zu Ende. Die letzten Tage brechen an!


Mittwoch morgen schlafe ich das erste mal länger als Holger und als ich wach werde, ist er schon geduscht! Wow nach 31 Tagen hat er es geschafft und ist mit Frühstück machen dran. Es ist so ungewöhnlich, dass ich in Hektik verfalle und mich beeile. Nach dem Frühstück laufen wir aus Imeros geradeaus hinaus, auf das Meer zu.
Erst Straße und dann eine Abkürzung über einen Feldweg direkt zum Meer. In Ampelakia, ein Ort mit drei Straßen und ein paar Sommerhäusern, bellt es und das erste Mal werden wir von einer ganzen Horde Hunde, die alle gleich aussehen, angegriffen. Allerdings halten wir sie auf Abstand, nur der Leithund kommt immer wieder kläffend nah, bis Holger sich umdreht, groß aufbaut und ihn anbrüllt.





Danach wird es ruhiger und wir laufen parallel zum Meer an der Straße. Vereinzelt stehen Sommerhäuser am Rand, aber viel ist nicht los. Wo wir auf den Strand ausweichen können, laufen wir von der Straße ab. Meer macht immer wieder glücklich. Erstaunlich ist, dass die Sommerhäuser, die es hier zu mieten gibt, nicht unter 150€ die Nacht kosten. Dabei gibt es überhaupt keine Infrastruktur, außer eine Stranddusche und in manchen Orten eine Strandbar. Kein Restaurant, keinen Markt nichts. Man muss mobil sein. Da frage ich mich, wer hier Urlaub macht.
Wir finden eine schöne Stelle am Strand, wo ein Plastikstuhl abgestellt ist und Holger setzt sich auf eine Wurzel und mixt uns ein Radler, bevor das Bier und die Sprite im Rucksack warm werden. Nun sind wir in Griechenland angekommen 😉 Morgens um halb elf das erste Zisch!🍻



Der Blick aufs Meer und die Insel Samothraki mit dem Farbenspiel im Wasser ist immer wieder schön und wechselt je nach Sonnenstand.






So kommen wir nach 16 km nach Platanitis, wo wir uns in ein Fischrestaurant in die erste Reihe setzen.





Der Kellner meint wir sollten uns lieber unter das Dach setzen, es regnet bald. Nein, wieso denn? Wir bleiben sitzen und statt Regen kommt die Sonne raus. Wir essen herrlich zu Mittag und Holger meint: Das ist das Rentnerleben- Mittagessen im "Gastmahl des Meeres" ( eine Anspielung auf Görlitz). Schön, dass er angekommen ist.😄
Wir haben noch kein Bett für heute, denn hier kostet das einzige Hotel 168€ incl. Frühstück. Der Hammer! Wir sehen, dass die Pension, die Holger gestern in Maroneira gefunden hat und die wir uns erst anschauen wollten, weg ist. 
Ich frage die Kellnerin, ob sie eine Idee hat. Sie kommt mit einer Telefonnummer von Wassili. Holger ruft an, aber er geht nicht dran. Holger hat keine Ruhe, um abzuwarten und so laufen wir los. Nachdem wir einen Kilometer aus dem Ort sind, bimmelt das Handy. Holger fragt nach einem Zimmer und vergewissert sich, dass es 50€ kostet und sagt, dass wir in 10 Minuten da sind. Wir laufen zurück und Wassili zeigt uns ein ziemlich großes Appartement, mit einer "viktorianischen" Möblierung im Salon. Die Terrasse hat einen phänomenalen Blick aufs Meer und ich kann unser Glück nicht fassen.
Dann geht es ans Bezahlen und ich gebe ihm die 50€. Er faltet den Schein auseinander und meint nicht 50€ sondern 150€. Niemals! Holger verhandelt, ich nehme meinen Schein zurück und sage, lass uns gehen. Sein Angebot von 120€ reizt mich nicht. Er meint die Reinigung kostet schon 50€. Wir gehen wieder zurück auf die Straße. Holger schimpft, dass die hier nicht ordentlich Englisch können. Das hilft ihm runter zu kommen, ändert aber wenig. Wir laufen einfach wie geplant nach Maroneia.



Ein Cabrio fährt langsam an uns vorbei, ruft etwas und wirft uns ein Saftpäckchen zu, dass wir natürlich nicht fangen können und die Straße entlang fließt. Schade, wirklich gut gemeint, aber schlecht gemacht. Er hätte ja kurz anhalten können, da die Straße kaum befahren ist.
Wir kommen nach Maroneia und laufen zu dem Appartement, das Holger gesehen hat. Dort werden wir von zwei Hunden lautstark begrüßt und die Hausherrin kommt heraus. Wir fragen nach einem Zimmer und die hat tatsächlich ein kleines Zimmer mit Meerblick vom klitzekleinen Balkon, mit Wasserkocher und Kaffee für 50€. Das passt doch. Wir duschen und halten Siesta. Danach gehen wir in den Laden um Proviant und Getränke zu kaufen, denn morgen geht es ungefähr 30 km in die Pampa. Kein Ort, keine Bar nichts, außer alte Steine und Meer. Ich bin gespannt auf die letzte, anstrengende Etappe, denn übermorgen ist dann nur noch eine kleine Etappe bis Alexandropoli. 🤷

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