Vier Tage durch den Kosovo

 Am Sonntag starten wir von Pristina in einen sonnigen Morgen und laufen zur Mutter- Theresa- Kirche zum Startpunkt und entdecken, dass das Loch vor unserer Tür nach 2 Tagen "repariert" ist.🫣



Aus der Stadt zieht sich der Weg nach oben in die Hügel und hier entsteht ein völlig neuer Stadtteil mit Luxuswohnungen in Hochhäusern, inclusive Fitnessstudio, Sauna, Schwimmbad. Wir fragen uns, wer diese sich leisten kann, beträgt doch der Durchschnitts- Netto- Verdienst 580€, im Monat!!!



 Wir laufen in das nächste Tal und die Orte gehen ineinander über. Schnell sind wir in Gracanica, im Kloster, dass Weltkulturerbe ist. Der Priester bereitet gerade eine Hochzeit vor, sodass wir nicht allzu lange die wunderschönen Fresken anschauen können. Am Ausgang werden wir angesprochen und nach unserem Weg gefragt. Gern geben wir Auskunft und sehen das Erstaunen im Gesicht, obwohl hier immer wieder Pilgere vorbei kommen. Einen Stempel bekommen wir allerdings nicht, da die Schwester mit dem Stempel krank ist und nicht gestört werden soll. Also gehen wir weiter.






Danach laufen wir nach Janeve, und der Weg wird matschig. Holger bangt um seine Schuhe, aber das hilft jetzt nichts.



Wir kommen durch ziemlich verlassene Gegenden. Doch der rote Mohn ist einfach immer wieder ein Hingucker.





Hier hat sich jemand einen Traum erfüllt.


In Janeve empfängt uns Don Mato, der Pfarrer der katholischen Gemeinde, welche hauptsächlich aus Kroaten besteht.




Unser Zimmer im Gästehaus der katholischen Gemeinde.


Abends erleben wir eine Messe auf dem Friedhof und es ist berührend zu sehen, wie gläubig die Menschen sind. Die Kinder im Dorf sprechen erstaunlich gut Englisch und erzählen, dass sie es durch Filme und Spiele im Internet gelernt haben.

Der Ort selbst ist ziemlich verlassen und zerfällt zusehends. Von ursprünglich 5000 Gemeindemitgliedern vor dem Krieg sind noch 105 übrig geblieben. Umso mehr bewundere ich Don Mato, wie er die Leute hier zusammen hält. Jeder wird umarmt und sein Handy klingelt dauernd. 

 
Am Abend werden wir mit frischen Erdbeeren verwöhnt, die ein Paar als Spende mitgebracht hat. Sehr lecker. Das Paar Schuhe ist extra aus Serbien angereist, um ihre Trauung zu besprechen. Sie ist serbisch- orthodox und er ist katholischer Kroate. Für Don Mato ist das kein Problem. Hauptsache sie sind glücklich.



Am nächsten Morgen bekommen wir nach der Messe noch ein Frühstück und dann verabschieden wir uns herzlich von allen. Unsere Donativo wird abgelehnt, da wir auf dem JW sind. Doch ich bitte ihn, es für die Kinder der Gemeinde zu verwenden und das findet er okay. Er segnet uns und dann gehen wir los.



Aus dem Ort laufen wir auf einen Hügel und haben wieder einen traumhaften Blick auf die schneebedeckten, unbekannten Berge in der Ferne.





Wir laufen durch kleine Orte, wo nicht viel Leben auf der Straße ist. Allerdings grüßen die Menschen, denen wir begegnen immer sehr freundlich.


Dann wird es wieder matschig und wir suchen unseren Weg.



Auf einsamen Bergwegen geht es weiter. Die kleinen Dörfer am Weg sind verlassen. Das hat den Vorteil, dass es keine wilden Hunde und wenig Abfall gibt. Am Wegesrand blüht es wunderschön.




An einer Straßenkreuzung ist ein Agro- Tourismo ausgeschildert und Holger meint, der sei sicher geschlossen. Ich bin optimistisch und als wir ankommen, sind wir die einzigen Gäste und bekommen ein herrliches, vegetarisches Essen. So sind wir im Pilgerhimmel.


 
Dann entdecken wir eines der seltenen JW- Schilder und laufen in den nächsten Wald.



Die Ausblicke sind grandios.


 
Plötzlich kommen wir auf eine asphaltierte Straße mitten im Nirgendwo, dann zu einer riesigen Schneise, die in den Berg gesprengt wurde, vorbei an einer Autobahn- Baustelle, die aufgegeben scheint und eine Tafel verrät, dass 11 Millionen........und 01Cent verbaut werden könnten. Scheinbar sind die aber nicht angekommen, denn beendet wurde sie nicht.
Allerdings nimmt sofort der Müll am Straßenrand zu und auch ein paar Hunde bellen uns an.




 
Entlang dieser Riesenbaustelle kommen wir nach Ponesh, wo wir den ersten und  einzigen Getränkemarkt stürmen, weil wir Durst haben. Im Laden spricht uns ein Typ an, der in der Schweiz kommt, Wurzeln im Kosovo hat und nun in Stuttgart wohnt. Er fragt und wir erzählen. Dann fragen wir, ob es einen Bus nach Gjilan gibt, denn die letzten 7 km sind an der übervollen Landstraße ohne Fußweg und die Rushhour ist im vollen Gange. Er meint, wir sollen was trinken, dann fährt er uns. Er erzählt uns ziemlich wilde Geschichten und ich denke, wenn die Hälfte stimmt....Dann steigen wir ins Auto und da rieche ich seine Fahne. Anschnallen ist nicht. Zum Glück ist soviel Verkehr, dass er langsam fahren muss. In der Stadt lässt er uns raus und wir bedanken uns.


In Gjilan haben wir ein Appartement gebucht und als wir es endlich gefunden haben, erfahren wir, dass es einen Wasserrohrbruch hat und deshalb bekommen wir ein anderes. Das sieht allerdings ganz anders aus und hat auch keine Dusche. Holger handelt den Preis runter und wir bewegen uns im "Schleiflack- Barock" im osmanischen Stil.
Hauptsache, die Waschmaschine funktioniert.


Das Appartement liegt direkt gegenüber der Moschee und so werden wir 4:30 Uhr das erste Mal vom Muezzin geweckt.


Als wir morgens starten ist der Himmel grau.



Es dauert nicht lange und es beginnt zu regnen. Ein paar Autos fragen, ob sie uns mitnehmen sollen, doch Holger bleibt tapfer auf dem Weg. Der Regen wird stärker und seine Laune etwas angespannt, ist doch sein ultraleichtes Regencape etwas kurz. Ich bleibe etwas zurück und summe Regenlieder vor mich hin und erfreue mich am dunkelroten Klatschmohn am Wegesrand. Allerdings verpassen wir einen Abzweig in die Pampa und bleiben auf der Straße. Dadurch kommen wir total vom JW ab.


Wir erreichen Vërboc, wo wir eine offene Bar finden und heißen Kaffee schlürfen. Nun müssten wir auf einer Hauptstraße nach Letnicë laufen. Der Regen schlägt auf dem Asphalt Blasen und die Straße steht schon unter Seen von Pfützen, die die Autos kräftig schneiden. Das wird nix, auch wenn die Füße schon klatsch nass sind, wollen wir nach 26 km im Regen kein Vollbad nehmen. Holger fragt einen Mann in der Bar, ob er uns fahren kann. Das macht er gern. 
So kommen wir nach Letnicë, wo der Pfarrer ein Zimmer für uns hat. Wir stellen die elektrische Heizung hoch und versuchen unsere nassen Klamotten zu trocknen. Dann legen wir die Füße bis zur Messe hoch.






Bei der Messe stellt uns Don Krista der Gemeinde vor und wir werden freundlich beäugt. Nach der Messe lernen wir Sofjia und Gjon, ihren Mann kennen. Sie arbeiteten beide in der Schweiz und laden uns zum Abendessen ein. Es ist ein sehr vergnüglicher Abend und wir verabreden uns, uns in Deutschland zu treffen, da sie jedes Jahr einmal nach Bad Füssing fahren.



Mittwoch Morgen starten wir früh und finden den Pfarrer nicht, um uns zu verabschieden. Also muss es mit WhatsApp passieren. Wir laufen aus dem Ort in die Berge und kaum sind wir auf einer Wiese geht das Dilemma los. Schlamm! Holger meint, das wird nix, wir sollten fahren...ich bin der Meinung, der Weg ist der Weg und dann wird er auch wieder besser.








Kühe begegnen uns heute öfter und sind meist allein unterwegs. 

 
Wir kommen an alten Gehöften vorbei und immer wieder an Palästen, die nur 1-2 Monate im Jahr bewohnt sind, weil die Eigentümer in der Schweiz, Österreich, Deutschland....arbeiten.




Bald kommen wir auf eine neue Asphaltstraße mit einem halbfertigen Fußweg und fragen uns, was der Grund dafür ist. 


Auf dieser Straße kommen wir nach Smirë und schauen uns die katholische Kirche an. Danach trinken wir noch einen Kaffee und da es erst Mittag ist, beschließen wir, bis Kacanik zu laufen.




Die Straße führt bis zu einem öffentlichen Grundstück und dann geht es in den Wald. Da gestern Dauerregen war, ist der Boden ziemlich schlammig und tiefe Spurrinnen stehen voller Wasser. Wir kämpfen uns durch. Allerdings stellen wir irgendwann fest, dass wir den Weg verloren haben. Wir sind zu weit rechts abgekommen. Mist! 




An der nächsten Gabelung laufen wir links in der Hoffnung den Weg zu finden. Der Weg wird schmaler, dann sind wir auf einer Wiese, dahinter geht es weiter und dann ist irgendwie Schluss. Holger versucht noch durch das Dickicht zu kommen und stürzt. Glück im Unglück, er schrammt sich die Schläfe und nix ging ins Auge.


Wir laufen zurück und an der Gabelung beschließen wir, dem anderen Weg eine halbe Stunde zu folgen. Wenn es nicht klappt, drehen wir um und laufen zurück, denn es ist schon Nachmittag.

Meine Stoßgebete werden erhöht und wir finden tatsächlich auf den JW zurück und haben wahrscheinlich sogar etwas abgekürzt. Der Weg ist weiterhin schlammig und inzwischen sind wir fit im Pfützen springen und umgehen.

Dann treten wir aus dem Wald und blicken wieder auf die Schneeberge, nur sind sie jetzt viel näher. 



Unter uns liegt Kacanik und es geht steil bergab in die Stadt. Ein Mann bietet uns Kaffee an und wir nehmen gern an. Holger fragt nach einem Bier und er sagt, klar. Dann sehen wir ihn wegfahren. Oh Gott, er kauft wirklich extra für Holger 4 Dosen Bier. Ich bekomme einen Kaffee und wir haben einen tollen Blick. Heute erfahren wir, dass der schneebedeckte Berg der Ljuboten ist, der 2498 Meter hoch ist und an der Grenze zu Nordmazedonien liegt. Irre!



Wir unterhalten uns mit Havi und Essam und sie reservieren uns, auf Holgers Bitte hin, ein Zimmer im "Hiking- Hotel". Wir verabschieden uns und Holger bekommt das Bier geschenkt. Unterwegs kaufen wir noch Sprite für ein Radler und laufen zum Hotel, dass 40€ kosten soll. Von außen ist klar, es hatte bessere Zeiten. Von Innen will ich nur noch raus. Holger hat keine Lust noch etwas zu suchen und handelt auf 30€ runter, doch der Alte bleibt hart und diskutiert. Ich bin schon am Abdrehen, doch als er hört, dass wir auf dem JW sind, ist 30€ okay, weil er Johannes kennt. Wir sind die einzigen Gäste und die Bilder sprechen Bände. 
Wir heizen elektrisch, essen die Reste aus dem Rucksack, bis das Duschwasser lauwarm ist. 

Wir sind 31 km mit 900 Hm hoch und 1000 Hm runter gelaufen und in dieser skurrilen Kaschemme gelandet. Holger findet es lustig und dafür bewundere ich ihn. Mich juckt es schon bevor ich im Bett liege. Hoffentlich schnarcht er heute Nacht nicht, damit die Nacht schnell vorbei geht.
Wir gehen im Restaurant nebenan essen, was meine Stimmung etwas hebt. 





Das ist das Bad im Nachbarzimmer. Unseres ist etwas besser erhalten. Wir sind die einzigen und wahrscheinlich ersten Gäste in diesem Jahr. Ich unke rum: Schlagzeile: Deutsche Pilger im baupolizeilich gesperrten Hotel Hiking  von Decke erschlagen! Solange wir lachen können ist die Welt in Ordnung.🤣

                 Die Lobby😂


Und morgen geht es nach Nordmazedonien.🤗

Kommentare

  1. Danke für die Teilhabe an eurer Reise auf dem JW. Beeindruckende Bilder. Bleibt bitte Gesund!

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