Wenn zuviel geplant wird, kommt es anders

 In Kavala genießen wir einen wirklichen Pausentag. Wir frühstücken gemütlich auf der genialen Terrasse.


Dann schlendern wir eine Runde in der Altstadt und in der Kirche Nikolaos stören wir den Popen, der mit dem Handy in seinem Glaskasten spielt, mit der Frage nach einem Stempel. Nein, einen Stempel hat er nicht, aber er kann uns etwas hinein schreiben. Auch schön. Wir bedanken uns und bummeln zum Supermarkt, wo ich mir eine neue Sonnencreme besorge.








Zur Siesta ziehen wir uns in unser Domizil zurück. Füße hoch und lesen. Holger ist wieder am großen Planen und sieht schon wieder Betten-Probleme, bevor es losgeht. Ich frage in der Gruppe und bekomme einen Tipp. Es wird schon klappen. 


Am späten Nachmittag gehen wir das kurze Stück zur Festung hoch und wandeln auf den alten Festungsmauern und genießen die Ausblicke.








In den Bergen grummelt es, dunkle Wolken ziehen auf, aber es bleibt trocken. Wir verbringen den Rest des Tages auf der Terrasse und genießen unser Abendessen. Morgen geht es frisch gestärkt und mit trockenen Blasen weiter.

Die nächste Etappe hat ihre Tücken und wird wahrscheinlich auch recht lang, sodass wir schon kurz nach 8 Uhr starten. Wir müssen entlang der E 02 laufen, einer sehr stark befahrenen Verbindungsstraße. Solange wir im Stadtbereich sind, haben wir einen Fußweg, nur der Lärm ist nervig. Doch am Ortsende wird die Straße vierspurig und der Fußweg hört auf. Das ist nicht witzig. An einer Bushaltestelle frage ich zwei ältere Frauen, ob ein Bus fährt. Sie erzählen  was von 12 Kilometern und noch viel mehr, doch leider in griechisch. Holger wird ungeduldig und meint, es fährt kein Bus. Wir laufen los und es ist anstrengend, immer wieder hupt es und wir laufen so eng wie möglich am Straßenrand. Kurze Entspannung gibt es, als wir ein Stück an den Strand ausweichen können. Hier haben schon mehrere Cafés/ Bars offen und in einem frage ich, ob ich die Toilette benutzen darf und halte der Kellnerin 1€ hin. Sie fragt wofür er ist und ich erkläre ihr, dass man das in Deutschland so macht, weil ich nichts trinken will. Sie lacht, nimmt den Euro und ich gehe in das sauberste WC des bisherigen Weges. Es gab sogar feuchtes Toilettenpapier. Warum ich das extra erwähne? Ich muss einmal eine Besonderheit von Griechenland erwähnen, die für mich nach wie vor gewöhnungsbedürftig ist. Das griechische Abwassersystem hat so enge Rohrleitungen, dass man NIE Toilettenpapier in die Toilette werfen darf, um keine Verstopfung zu verursachen. Das heißt überall stehen einfach Eimer für das Papier und selten mit Tret- Mechanismus. Mehr dazu kann sich jeder selbst ausmalen.

Dann geht es weiter an der Straße entlang, bis ein kurzes Stück Entspannung kommt, allerdings wieder etwas zugewachsen.


Aber auch danach kommen wir auf die Straße und diesmal an der Schnittstelle von E02 und Autobahnauffahrt. Freitags rauscht der Verkehr und wir müssen darüber rennen, um auf der E02 zu bleiben. Natürlich hupt es, natürlich stellen sich die Nackenhaare hoch und der Überlebensinstinkt ist geweckt und natürlich schimpft Holger wie ein Rohrspatz. Er sieht bei Maps, dass es eine Straße zur Umgehung gibt und so laufen wir ab. Doch schon beim Annähern zweifeln wir, ob es geht, denn wir laufen auf ein Öl- Terminal von Shell zu. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wir sehen die Straße, doch ist sie mit einem Tor verschlossen. Daneben ist ein Pförtnerhaus und der Pförtner kommt raus und Holger erklärt, dass er nach Nea Karvali laufen möchte. Er sagt, wir müssen zurück laufen und oben geht es dahin. Holger stellt sich stur und sagt: Bei Maps ist hier eine offizielle Straße eingezeichnet, die will ich gehen. Er zeigt auf die Straße. Nein, ist die Antwort. Holger: Doch. Ich sage Holger, dass der Mann nichts dafür kann, wir gehen. Nein, ich ....der Mann schaut zwischen uns hin und her, ich lächele ihn freundlich an, Holger lamentiert, er geht zum Telefon und sagt: Moment. Ich bitte Holger jetzt mitzukommen, befürchte ich doch, dass er den Sicherheitsdienst anruft. Holger gibt nach, winkt ein OK und wir laufen einen Kilometer zurück an die Straße. Ich versuche es mit Auto - Stopp, aber erfolglos. Holger winkt einem Taxi, dass uns ignoriert. Wir laufen auf die andere Straßenseite und da kommt ein Auto aus einer Werkstatt. Holger fragt, ob er uns mitnehmen kann. Leider nicht, da es ein Firmenwagen ist. Okay. Ich frage in der Werkstatt, wo gerade ein Kunde losfahren will, doch der fährt in die andere Richtung.

Holger ist wütend und da alles nichts nützt, läuft er los. Glück im Unglück, nach einer Kurve bekommt die Fahrbahn plötzlich einen breiten Randstreifen, sodass wir etwas weniger gefährlich unterwegs sind.

So sind wir Mittags in Nea Karvali, wo wir auf einer Bank im Schatten unser Adrenalin ausschütten, etwas trinken und wieder klar denken können. Die Wetterapp warnt vor starken Gewittern mit Blitz und Donner. Vor uns liegen noch knapp 20 km in offenem Gelände im Nirgendwo, weit ab von Straßen und Gebäuden.

Holger meint, ein Bus fährt zum Zielort. Ich bin erstaunt, hieß es doch heute morgen, es gibt keinen Bus. Nun doch? Aller zwei Stunden hat Holger recherchiert.

Okay, was aber spricht dagegen sich hier ein Bett zu suchen und morgen weiter zu laufen? Eigentlich nichts, nur hängen wir dann dem Plan hinterher. Ich frage Holger, ob dass schlimm sei, denn wir haben ja Zeit und den Plan machen ja wir. Er überlegt und wir schauen bei booking. Es gibt ein preisgünstiges Hotel, was aber etwas in die Jahre gekommen ist, teure Appartements und eines was ordentlich aussieht und 15€ mehr kostet. Lass uns hingehen, meint Holger und so laufen wir los. Das Hotel sieht aus wie gedacht und das Appartement - Haus sieht ordentlich aus nur das Gegenüber ( Investruine) ist nicht sehr schön und verstellt den Blick auf den Strand. Als wir noch überlegen, fragt ein Mann was wir suchen. Er hätte etwas für 70€. Wir gehen mit und er geht in das Booking- Haus, wo es für 68€ angeboten wird. Er kommt mit seinem Sohn und Schlüssel wieder und zeigt uns ein neues, sauberes, kleines Appartment. Holger schafft es sich mit ihm auf 60€ zu einigen und so ziehen wir ein.

Wir schauen uns um und es hat wirklich alles was man braucht. Dass erste Mal sogar genug Besteck und Geschirr, sodass man theoretisch kochen könnte. 




Auf dem Tisch steht sogar ein Geschenk- eine Schachtel mit Gebäck, dass hier im Ort hergestellt wird. Wie lieb und aufmerksam.



Noch ist das Gewitter am Grummeln hinter dem Berg und so laufen wir an den Strand. Eine Frau, Dimitra, spricht uns auf Deutsch an und zeigt uns, welche Sonnenliegen wir benutzen dürfen. Sie erzählt uns, dass sie auch Gäste aus Deutschland beherbergt und sie selbst aus Baden-Württemberg kommt. Wahrscheinlich wieder eine Gastarbeiter- Geschichte. 

Wir suchen uns einen Platz unterm Schirm aus und dann stürzen wir uns ins Meer. Ich in meinem schicken "Icebreaker- Bikini" und Holger in der "Radler- Badehose". Das Wasser ist angenehm kühl und wir lassen uns in den Wellen treiben. Ach ist das schön. Alle Anspannung und Ärger fallen von uns ab.




Unter den Sonnenliegen liegt auch der Strandhund, der immer mal wieder die Liege wechselt und treuherzig in die Welt blickt. ( Allerdings stinkt er fürchterlich.)


Neben der Stranddusche hat es sich der kleine "Findus" gemütlich gemacht und hält seine Siesta.

Wir gehen zurück in Appartement und ich koche Kaffee. Dazu gibt es die Reste aus dem Rucksack und die leckeren Kekse. Es grummelt immer wieder, der Wind kommt auf, doch das Gewitter lässt auf sich warten.

Abends hat es sich merklich abgekühlt und es ist windig, sodass wir im Strandrestaurant nur drinnen essen können. Das Essen ist sehr lecker und eine Katze streicht um den Tisch. Dann setzt sie sich neben mich auf den Boden und schlägt mit ihrer Pfote auf meinen Schoß, so nach dem Motto: Hey gib mir was. Doch ich esse vegetarisch, dass wird leider nichts.





Nachts regnet es ausgiebig, doch von Abkühlung ist ohne Wind kaum etwas zu merken, zumal wir erst später starten. Wir laufen aus dem Ort an der Straße hinaus und dann hinein in Felder und an Kanälen entlang.

Erst auf Asphalt....


...dann auf Kies geht es gut voran und der Regen hat nur wenige Pfützen hinterlassen. Die Erde hat Wasser gebraucht.


Nach ein paar Kilometern bellen uns Hunde von einem Grundstück an und plötzlich pfeift es laut. Wir drehen uns um und ein älterer Mann gibt uns zu verstehen, dass wir nicht weiter laufen können, es ist gesperrt. Wir zeigen unsere Karte hoch, doch er besteht darauf, dass wir zurück gehen. Bei Maps sehen wir, dass eine "Mauer" den Weg am Ende versperrt. Also gehen wir ein Stück zurück auf die geliebte E 02, die zum Samstag nicht so stark befahren ist. Dadurch kommen wir am Laden der Keksfabrik vorbei und schauen ihn uns an. Es gibt alle möglichen Varianten, sogar mit Ouzo.



Dann kommen wir an die Stelle der " Mauer" und sehen, dass eine Pipeline verlegt wurde und der Weg zugeschüttet wurde. 


Zurück auf den JW laufen wir kilometerweit geradeaus auf einer Asphaltstraße, vorbei an Mais- und Sonnenblumenfeldern und an riesigen Kiwi Plantagen.


Dann laufen wir hinter hohen Schilf an einem Kanal entlang und hören immer wieder etwas plumpsen. Das müssen fette Frösche sein, denken wir. Doch dann ist der Kanal ein Stück offen und wir sehen, dass es recht große Wasserschildkröten sind, die ins Wasser plumpsen.


Eine läuft uns über den Weg und wir lassen sie passieren.


Weiter geht es nun auf sandigem Boden zwischen dem hohen Schilf, indem viele Insekten und Schmetterlinge ihre Bahnen ziehen.


Die Wege sind endlos lang, die Sonne brutzelt und irgendwie drückt der Schuh, doch nirgends ist ein Platz zum Sitzen.


Ich treffe wieder eine Schildkröte auf dem Weg und will sie mit Kopf fotografieren, doch sie bleibt versteckt. Als ich wieder aufstehen will, sehe ich neben meinem Fuß...


...eine winzige Babyschildkröte und bin froh, dass ich nicht drauf getreten bin. Sie ist nicht schüchtern und lugt aus dem Panzer hervor.


  
Kiwis vor Bergen ...


...und das erste blühende Sonnenblumenfeld, doch ich bin durch einen Schilfgraben getrennt.
Dann kommt ein kilometerlanges Asphaltband und gibt mir den Rest.



Wir erreichen ziemlich verschwitzt Chrysoupoli und sehen....


...lohnt sich nicht, denn sie haben kein kaltes Radler. Dafür gibt es Laugenbrötchen😂, wie daheim.


In unserem Quartier lernen wir wieder die unterschiedlichen Preis- Leistungs-Verhältnisse kennen, doch wenn es nix gibt, muss man durch.
Ich ziehe die Schuhe aus und habe eine Blase. Holger findet die Ursache. Eine alte Granne hat sich zwischen die zwei Lagen des Oberstoffes eingenistet und reibt am Fuß. 


Nachmittags gehen wir essen, da wir hungrig sind und erleben in einem kleinen Restaurant das " Tischlein Deck dich" auf griechisch. Die Chefin empfiehlt und wir sagen ja und dann wird alles nacheinander auf den Tisch, auf ein Stück Packpapier serviert. Einfach lustig und lecker.


Kaum essen wir, sitzt der Hund ganz brav bei uns und wartet....doch Holger hat auch Hunger.


Den Abend verbringen wir mit " Pilgerbüro" und "Planungsbüro" in der Unterkunft.

Sonntag morgen stehen wir eher auf, da die Etappe lang und das Wetter heißer wird. Nach unseren schon fast traditionellen griechischen Frühstück: Joghurt, Walnüsse + Honig und Kaffee, laufen wir aus Chrysoupoli hinaus in die Weite des Deltas.


Auf einem schönen Sandweg mit Blick zum Pangaio- Massiv laufen wir in den Tag hinein. In der Ferne sehen wir die Spuren der Steinbrüche und der Weg ist mit Marmorresten aufgefüllt.




Erst ist der Weg wunderbar weich, breit und sichtbar, dann wir es mal wieder wild und bald stehen wir im Dschungel. Die Heuschrecken beobachten uns und staunen.😉




Wir lassen uns nicht unterkriegen und kommen auf unseren Weg und dann auf die E02, die Sonntags zum Glück wenig befahren ist.


Bald biegen wir an einem Kanal ab und überwinden eine pfützenreiche Passage. Doch mit Umwegen und viel Gras in den Socken schaffen wir jede Tücke.




Dann wird der Weg wieder gangbarer und Felder weit und breit. Über uns kreist ein Raubvogel.



Plötzlich stehen wir vor Riesenschachtelhalmen und darin wächst Lauch auf ein Meter Höhe. Ein tolles Farbspiel und eine überraschende Vegetation am Kanal.




Nach 15 km nähern wir uns Paradisos, wo wir an einem paradiesischen Restaurant mit Flussdurchlauf ein kaltes Bier und eine "handgemachte" Limo ohne Zucker trinken. Die Limo ist so süß, dass ich sie mit einem Viertel Liter Wasser Strecke. Dann kommt die paradiesische Rechnung von 10€. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ist ja Sonntag.


Wir laufen erfrischt weiter und finden noch mehrere Restaurants im Ort. 
Bald laufen wir wieder querfeldein an riesigen Olivenhainen entlang.


Wir queren den Nestos, der hier sehr breit in verschiedene Arme fließt. Delta eben.



Wir kommen auf einen neuen, verdichteten Kiesweg und laufen Kilometerweit durch eine Graslandschaft ohne Schatten. Da wir hier oberhalb des Flusses sind, nehmen wir an, dass hier die Bewässerung schwierig ist. Bei der Hitze hat es etwas von Prärie.



Der JW führt uns irgendwann von diesen gemütlichen Weg weg und wir biegen ab und nach nicht allzu langer Zeit stehen wir mal wieder im Gestrüpp und es ist kein Weiterkommen. Es hilft nichts, wir müssen umkehren und finden einen Weg, der uns zurück führt, ohne die ganze Strecke zurück zu müssen.



Nach ein paar Kilometern müssen wir uns entscheiden, zurück auf den JW oder weiter auf der Straße. Wir bleiben auf dem Asphalt und nach den nächsten Kilometern, dieselbe Frage. JW ist kürzer, Straße länger und inzwischen sind wir schon lange unterwegs. Also JW, der durch ein paar Schlammlöcher führt und dann wieder einmal kurz ins Gebüsch. Doch Holger entdeckt bald die Gleise, die wir queren sollen und dahinter ist der Weg breit und ich sehe....
 

.... Sonnenblumenfeldern die blühen. Nun ist erst einmal Fotosession mit dem "Sonnenblumenmädchen". ( Übrigens auch ein sehr schöner Roman von Noëlle Châtelet.)


Nach 30 km kommen wir in Leki an, wo es kein Bett, keinen Laden und keine Kneipe gibt. Doch wir haben unseren Telefonjoker, den Holger anruft. Inzwischen sportel ich auf dem Spielplatz und wir essen Kekse zu lauwarmen Wasser.

Eine viertel Stunde später holt und Dyonisos ( der Gott des Weines) persönlich ab und fährt uns nach Xanthi, wo er uns sein Appartement vermietet, inklusive Rücktransfer. Er ist super nett, spricht englisch und erzählt, dass er BWL in Thessaloniki studiert hat, aber es dort zu teuer zum Leben ist und er deshalb zurück gekommen ist und jetzt als Farmer sein Geld verdient.
Das Appartement ist super mit allem was wir brauchen. 






Abends gehen wir in die Stadt und suchen eine Kneipe zum Essen, aber den "richtigen Griechen" finden wir nicht und so landen wir in einem riesigen Gartenlokal, dass nur mäßig besucht ist. Das Brot ist altbacken und die Kellner können perfektioniert an den Gästen vorbei schauen, sodass wir laut rufen müssen, um etwas zu bestellen. Dann kommt ein " give me a minute" bevor sie sich bewegen.
Sie sitzen im Hintergrund und dasselbe an ihren Telefonen. 








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