Die erste Woche

 Montag, vor einer Woche bin ich aufgebrochen. Der erste Regentag begrüßt mich mit einem Rauschen. Sabri spendiert mir noch ein schönes Frühstück und in meine Brotbox wandert ein kleines Picknick.

Aus meinem Rucksack wandert der erste Ballast in einen Karton, den ich auf der Post nach Hause schicke. Dann hört der Regen auf und ich laufe am Main 21 km asphaltierten Radweg nach Ochsenfurt. Härtetest. Das Maintal ist eng. Links von mir steigen steile Weinberge an und davor rauscht der Verkehr einer Bundesstraße. Rechts sind Hügel und auf der Bahnlinie rauscht der Zugverkehr, nur der Main fließt ruhig vor sich hin. Ich komme an blühenden Obstwiesen vorbei und jeder darf naschen...sofern etwas reif ist.



An der Schleuse von Eibelstadt schlagen die Krähen Alarm und ich sehe ihre Nester oben in den Bäumen.

Ich laufe in den Ort, denn die Kirche mit ihrem interessanten Turm lockt mich.




Kleine Orte liegen malerisch am Ufer und haben sich hübsch herausgeputzt. In den Orten ist eine Weinstube neben der anderen und alle bereiten sich auf die Saison vor. 

Ich setze mich ans Ufer zu einer Pause und dann laufe ich durch, denn ich möchte mir und meinen Füßen etwas Ruhe gönnen. 

Ochsenfurt ist ein Bilderbuchstädtchen. Fachwerk, Zunftzeichen und schöne Plätze zum verweilen.





Ich bekomme ein schick saniertes Pilgerzimmer hinter der Kirche und mache es mir mit Kuchen und Kaffee gemütlich. Ein fauler Nachmittag liegt vor mir.




Abends ist Buß -Gottesdienst in der Kirche und ich setzte mich hinein. Es wird viel gesungen und die Predigt lässt Raum für eigene Gedanken. Nach dem Gottesdienst gehe ich verfroren in mein Zimmer und da die Heizung nicht reagiert hat, packe ich mich mit dicken Decken ins Bett. In dem alten Gemäuer ist es extrem kalt.
 

Der nächste Tag beginnt mit einem kleinen Frühstück aus dem Rucksack und dann gehe ich zum Bäcker und kaufe Proviant für den Tag.

Das Wetter ist mild und bewölkt und heute geht es weiter, wie gestern...auf einem asphaltierten Radweg. Daneben gibt es Felder oder Wiesen und so laufe ich an deren Rand und riskiere nasse Hosenbeine und Schlammsohlen. Man kann nicht alles haben!

Auf den Wiesen sehe ich mehrere Hasengruppen in der Sonne sitzen und denke an die Predigt des gestrigen Buß Gottesdienstes. 


So komme ich nach Hopferstadt. In der Kirche treffe ich auf Katharina und ihre kleine Tochter. Wir kommen ganz schnell ins Gespräch und sie lädt mich spontan zu einem 2. Frühstück in ihr Haus ein. Wie freundlich ist das denn! Katharina ist eine sehr interessante Persönlichkeit, hat viele künstlerische und pädagogische Talente, ist schon in Jerusalem gewesen und wir haben einen guten Draht zueinander. Ich fühle mich bei ihr Pudelwohl und muss mich richtig losreißen, um weiter zu gehen. Zuviele Dinge über die wir sprechen, würde ich gern noch vertiefen. Ich bin total glücklich ihr begegnet zu sein. Zum Abschluss spielt sie mir noch ein Ständchen.

Dann hat mich der Radweg wieder. Die Sonne ist heute so warm, dass ich kurzärmelig und -beinelig ( gibt es das Wort überhaupt?) durch die weite Landschaft laufe. Plötzlich scheuche ich Rebhühner auf und kurz danach sind wieder Osterhasen unterwegs. In Oellingen ist die Kirche geschlossen, doch ich kann den Schlüssel beim Bauern holen. Den er mir gibt, der passt nicht und als ich zurück komme, ist er mit seinem Trecker weg. Okay, dann gehe ich eben weiter. Unterwegs hängen meine Gedanken noch bei Katharina und ich laufe einen guten Stiefel nach Aub, wo ich schon Mittags bin. Bei meiner Übernachtung werde ich erst 17 Uhr erwartet und so schaue ich mir den Ort an, gehe ich die Kirche und zum jüdischen Friedhof, der leider verschlossen ist.



Bei Nahkauf kaufe ich etwas zum Vesper und setze mich am Friedhof auf eine Bank und Ruhe mich aus.

In meiner Unterkunft werde ich von Annemarie lieb mit Kaffee und Osterbrot empfangen. Dabei erfahre ich einen Teil ihrer interessanten Biographie. Auch die hat vielfältige künstlerische Talente im Alter neu und wiederentdeckt. Unter anderem schreibt sie Gedichte, die mich sehr an Ringelnatz erinnern. Mit markanten Worten setzt sie ihre Lebenserfahrungen in Reimen um. Auch malt sie in verschiedenen Techniken und alles hilft ihr " Herrn Parkinson" in Schach zu halten. Bewundernswert. Abends darf ich mit ihnen zu Abend essen und auch da gibt es Geschichten aus dem Leben als Kleinbauern. Sie hatten erst Rinder und später 40 Zuchtsäue. Sehr interessant. Allerdings verrate ich nicht, dass ich Vegetarierin bin.🫣

Heute morgen, nach dem Frühstück und einem kleinen Diskurs über Hygienevorschriften für Jäger und Imker mit dem Hausherren, verabschiede ich mich von den Beiden. Annemarie hat mir abends noch einen Schlüsselanhänger gebastelt und schenkt mir ein Blatt mit ihren Gedichten. Was für eine liebe Seele.

Ich laufe bei Sonne satt, los und zuerst in einen schönen Bärlauchwald hinein.

Doch die Freude hält nicht lang an, denn bald geht es auf Feldwegen und die sind ALLE geteert. Meine armen Füße! Ich laufe soweit es geht am Feldrand entlang, doch der Boden wird nicht besser. Ich sehe von Ferne das Schloss Waldmannshofen.

Die Felder sind hier riesig und außer Rapsfeldern laufe ich an Möhren- und Getreidefeldern vorbei.  Dann geht es durch ein feuchtes Wäldchen, wo Wiesenschaumkraut wächst.

Ich laufe durch Frauental, wo die Kirche verschlossen ist, genau wie in Freudenbach. Die Bänke an der Straße sind freudlos und ich gehe aus dem Dorf durch eine Apfelbaumallee. Dort setze ich mich unter einen Baum und habe meine große Pause. Es summt und brummt über mir und um mich herum. Herrlich. Ich erinnere mich bruchstückhaft an ein Lied vom Apfeltraum.




 

Immer an der Straße lang laufe ich und plötzlich geht es bergab. Vor mir liegt Tauberzell und das liebliche Tal der Tauber.



Jetzt laufe ich immer am Fluss entlang und eine Schaf- Ziegen- Herde wird auf die Weide gebracht.



Ich schaue auf den Fluss und werde von vielen Radfahrern überholt. Vorbei an Womo- Stellplatz und Campingplatz mache ich vor Detwang eine Pause und lüfte meine " heißen" Füße. 25°C in der Sonne sind schon echt anstrengend.
In Detwang ist die Kirche geöffnet und ich sehe einen " kleinen" Altar von Riemenschneider, der in Rothenburg ob der Tauber keinen Platz mehr hatte.
Die Kirche besticht aber auch mit ihren wunderschönen Barockmalereien. Ein Stempel gibt es auch.




Weiter am Fluss liegen nun die letzten Kilometer bis zum Ziel vor mir. 

Dann geht es 2 km steil bergauf nach Rothenburg ob der Tauber und nach viel Ruhe erfasst mich hier der Touristentrubel. In die Jakobskirche komme ich als Pilgerin ohne Eintritt hinein und hier ist alles riesig. Die Kirche, der "Blutaltar" von Riemenschneider, ein anderer Altar aus seiner Schule und eine sehr verschachtelte Orgel.




                  In der Mitte noch ein Riemenschneider.



                        Vor der Kirche steht ein Pilger.

Ich schlendere mit müden Füßen durch die Gassen zu meinem Quartier bei einer Pilgerin. Lore begrüßt mich herzlich, zeigt mir die Dusche und kocht mir einen schönen Kaffee. Dazu ein Stück Rhabarber- Kuchen. Wir sitzen im Garten und unterhalten uns über.... natürlich übers Pilgern. Es ist schön die Leidenschaft bei meinen Gastgebern zu erleben. 

Heute bin ich echt k.o. und werde nicht alt. Der Asphalt schlaucht.

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