Der Kosovo ist nicht einfach
Wir starten wieder früh am Morgen, auch wenn die Etappe kurz ist. Im Moment bestimmt das Bett den Weg. Allerdings sind für Mittag Gewitter und Sturm angesagt. Wir wollen gern trocken ankommen.
Die Nacht war ruhig, doch bin ich gegen Mitternacht aufgewacht, da ich Luftnot bekam. Wir hatten das Fenster offen und irgendwo in der Nähe wurde Müll verbrannt. Ich schließe das Fenster und schüttel den Kopf.
Die Sonne geht über den Bergen auf und die Landschaft ist magisch. Ich übe mich meinen Blick erst ab einem Meter Bodenabstand schweifen zu lassen.
Wir laufen auf Feldwegen und kleinen Straßen. Ein kurzes Stück müssen wir auch an der Fernverkehrsstraße laufen, doch ist der Verkehr noch moderat. Am Fahrbahnbrand sitzen vereinzelt Hunde, die erschrecken, als wir kommen. In einem kleinen Laden bekommen wir Kaffee und Waffeln zum Frühstück und die Kommunikation ist schwierig, da mein Internet nicht funktioniert. Ich bin immer noch im serbischen Netz mit meiner e-sim. Sie stellt sich nicht automatisch um und ich bin zu unbedarft.
Von oben sehen wir schon Leposavic. Am Ortseingang finde ich im Handyladen ein neues Ladekabel, doch bei meinem Sim- Problem sind sie auch ratlos.
Wir schauen uns die orthodoxe Kirche an, bevor wir einen Kaffee trinken. Als wir vor dem Café sitzen hupt es und Gasman winkt aus dem Auto. Lustig, dass wir erkannt werden.
Nun laufen wir zum Kloster auf den Berg über der Stadt und hoffen, dort übernachten zu dürfen. Ab von der Menschheit und ihren Ausdünstungen. Wir sind allein auf dem Gelände und auf unser läuten reagiert niemand. Wir machen Pause und beschließen zurück in die Stadt zu gehen, wo es verschiedene, nicht bei Booking gelistete, Möglichkeiten gibt.
Zurück in der Stadt suchen wir das erste " cheep and nice" Apartment auf. Nach langem Suchen finden wir die Besitzerin. Eine jüngere Dame übersetzt und wir gehen auf das sehr simple Zimmer. Wasser gibt es erst ab 18 Uhr, das Badezimmer ist eher eine Nasszelle und als wir bezahlen, will sie von jeden 21€. Nein, dass ist zu viel. Ich rede mit ihr deutsch und setze meinen Rucksack wieder auf. Sie versteht die Geste sofort und sie meint, weil wir nach Jerusalem gehen, ist es okay. Das finde ich auch. Zumal dann wenigstens cheep stimmt. Nice ist Ansichtssachen und über Sauberkeit schweige ich lieber.
Wir gehen in ein Restaurant etwas essen und sitzen, als der Regen losgeht. Es regnet Bindfäden und so bleiben wir einfach im Restaurant sitzen, dass gemütlicher ist, als unser wasserfreies Apartment.😉
Der nächste Morgen ist richtig frisch,14°C, das hatten wir schon lange nicht mehr. Ich ziehe mein langes Shirt an und dann geht es langsam aus dem Ort heraus auf einen Feldweg und später in den Wald. Hier, abseits der Häuser fühlt sich die Natur gut an und ich genieße entspannt den Weg. Es geht immer wieder hoch und runter und die Blicke in die waldreichen Berge.
Es geht durch kleine Siedlungen und jeder hat seine Hühner und sein Schwein im Stall. Wir kommen an einem Hof vorbei, wo gerade geschlachtet wird.
Dann gehen wir doch 5 km auf der Fernverkehrsstraße und inzwischen sind wir routiniert. Dann biegen wir ab und passieren eine Straßenkontrolle. Wir kommen problemlos durch, aber einige Autos werden kontrolliert.
Wir laufen weiter und müssen uns entscheiden. Entweder vom Weg ab zum Kloster Banjskes gehen oder zum Motel. Die Entfernung ist die gleiche. Ursula hat die Eingebung, dass wir im Kloster unterkommen und so laufen wir hin. Am Straßenrand ist Werbung für ein Thermalhotel am Kloster und wenn das Eine nicht klappt, dann das Andere.
Das Kloster liegt auf dem Berg und schon beim Aufstieg sehen wir, dass das Thermalhotel nicht mehr existent ist, bzw. der Neubau nicht fertig geworden ist.
Das Kloster besichtigen wir, doch die Übernachtung wird uns verweigert.
Nun haben wir ein Problem. Wir gehen in das Restaurant zurück und werden von einem jungen Serben in eine Diskussion verstrickt, die seine Sicht der Geschichte zeigt. Ich halte mich zurück, da sein Hass nicht nur den Albanern gilt, sondern er auch Deutschland verachtet. Mich bestürzen seine " Serbischen Großreichphantasien". Von der Adria bis zur Donau. Ich bin froh, als das Gespräch zu Ende ist und er meint uns belehrt zu haben.
Eine Frau bietet uns ein Zimmer an, doch als wir bei ihr vor dem Haus sitzen, merken wir dass es keine gute Idee ist und beschließen noch ein paar Kilometer bis zum Motel zu laufen.
Wir verabschieden uns von ihr und ihrem Enkel, der super Englisch spricht. Er ist 10 Jahre und ein kleines Sprachgenie.
Wir laufen noch einmal auf einem herrlichen Wanderweg und durch die Pausen ist es auch nicht wirklich anstrengend, obwohl inzwischen wieder 32°C sind.
Nun kommen wir zum Motel und der Typ davor erklärt uns, dass wegen Renovierung geschlossen ist. Es ist 18 Uhr und wir sind über 30 km gelaufen. Es geht nix mehr. Wir fragen, ob es im Ort eine Möglichkeit gibt, weil wir zu Fuß sind. Er überlegt und sagt wir sollen 10 Minuten warten.
Dann kommt er mit einem englisch sprechenden Arbeiter wieder, der uns erklärt, wir können für 25€ ein Zimmer für eine Nacht bekommen. Super. Er zeigt uns das Zimmer, dass sie schnell hergerichtet haben. Der Boden ist noch feucht, alles andere Baustellen- staubig. Als wir bezahlt haben heißt es, der Strom geht erst in zwei Stunden, deshalb auch kein warmes Wasser. Okay. Wir gehen essen und dann ist der Strom da und wir duschen und fallen müde in unser Provisorium.
Wir sind wieder zeitig unterwegs und die erste Hundemeute bellt uns schon im Dorf an und ist ziemlich ausdauernd. Dann geht es zurück auf den JW und die Sonne geht auf. Wir können ein Stück in Ruhe laufen, bis uns vor Zitkovic am Rande der Müllkippe ein ganzes Rudel kläffend und aggressiv begrüßt. Zum Glück trennt ein tiefer Graben die Kippe von der Straße, sodass sie uns nicht erreichen.
Oben angekommen liegt uns Mitrovica zu Füßen. Über ein großes Monument werden wir geleitet und davor ist eine demolierte Aussichtsplattform.
Wir laufen auf der anderen Seite der Stadt hoch hinaus und albanische Musik schallt über die Ebene. Der Weitblick wäre wunderschön, würde nicht der Stacheldraht der riesigen Polizeistation martialisch in der Sonne glänzen.
Ein Auto mit deutschen Kennzeichen hält und die junge Albanerin, die in Deutschland lebt, fragt, was wir treiben. Wir erzählen es und sie findet es beneidenswert. Dann kommt die Frage, die jeder stellt. Wie gefällt euch der Kosovo? Ehrlich antworten wir und da sie die deutsche Ordnung kennt, versteht sie unsere Beanstandungen. Sie wünscht uns schöne Tage und fährt weiter.
Ich diskutiere mit Ursula über diese Meinung und so richtig sicher sind wir uns nicht, zumal es gerade heute wieder gut war zu zweit zu sein.
So kommen wir in Vusthrii an und gehen erst einmal etwas essen. Dann suchen wir die Unterkunft auf, die in unserer App steht, doch die gibt es nicht mehr. Auf dem Weg in die Innenstadt fragen wir beim Friseur, der uns ein Motel nennt.
Vorher wollen wir noch etwas trinken. In der Bar spricht uns ein 22 jähriger Albaner an der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Auch er fragt uns, wie es uns gefällt. Er erklärt uns, dass er in die Heimat wollte, weil er hier leben und sterben will. Als wir von den Hunden reden, sagt er, er ist Polizist und hat eine Waffe er knallt sie ab. Hart. Dann kommt das leidige Thema Serbien. Auch hier knallhart, wenn ich einen Serben sehe, knalle ich ihn ab. Woher kommt dieser Nationalismus und Hass frage ich mich. Dieser Konflikt und dieser Hass auf beiden Seiten schockieren mich.
Wir laufen zum Motel und beziehen unser Zimmer. Es ist wieder ein schmuddliges Teil und nix funktioniert richtig. Die Klospülung gibt ihren Geist auf und der Abfluss riecht nach faulen Eiern. Heute bin ich am Heulen.
Der Tag war mega anstrengend und die Frage: Wie gefällt euch der Kosovo? wird für mich zur Zerreißprobe. Danach kommt immer die Serbienfrage und da ist soviel Unverständnis und Hass auf beiden Seiten, vor allen bei den jungen Menschen, die den Krieg nicht erlebt haben. Dazu der Schmutz und Gestank. Jeden Tag der metallische Geschmack im Mund und der Rauch in der Nase machen mich mürbe. Meine Nerven flattern. Dabei haben wir soviele liebe Menschen getroffen, die trotz der sichtbaren Armut sich nur Frieden wünschen und hoffen, dass ihre Kinder ein besseres Leben haben.
All diese Erlebnisse der letzten Tage lassen mich zweifeln, ich fühle mich sehr müde und ausgelaugt. Ich glaube, ich brauche eine Pause.
Morgen laufen wir nach Pristina.




































































Kommentare
Kommentar veröffentlichen