Hoch und Tief
Den regnerischen Morgen warten wir mit der Planung der nächsten Etappen ab und als es aufhört zu regnen laufen wir in einem dunstigen, feuchten und kühlen Tag aus Rudnik hinaus. Drei Hunde der devoten Art begleiten uns und nur einer lässt dich von uns zurück schicken. Die anderen Beiden tollen auf der Straße, als sei es die Hundewiese. Die Autofahrer bringt das nicht aus der Ruhe und sie finden die Bremse.
Erst in der nächsten Ortschaft schafft es ein wütend kläffender Spitz die Beiden von seinem Revier fernzuhalten. Wir biegen auf eine unbefestigte Straße ab und der Spitz kläfft uns hinterher. Unbeschadet laufen wir in einen schönen Mischwald und laufen bergauf. Von oben haben wir einen schönen Blick zurück.
Wir laufen durch den Regenbogen und begegnen am Weg den Figuren aus " Der Zauberer von Oz". Dann kommt ein sauberer Parkplatz und ein Eingangstor zu einer Art Freizeitpark. Ein Mann putzt die Wege mit einem Laubbläser und wir fragen ob wir schauen dürfen. Klar. Auf der Bergkuppe ist ein Biergarten, verschiedene Schaukeln, das große Schild...und wir haben eine phantastische Aussicht. Nun verstehen wir, was Nicolina unter einen Wandertag versteht.😎
Ein L für meine Liebe in Leipzig ❤️
Wir unterhalten uns kurz mit dem "Hausmeister" und heute können wir die Frage, wie uns Serbien gefällt, einfach beantworten. Die Berge sind herrlich. Dann ziehen wir weiter und begegnen heute wunderschönen Weinbergschnecken. Ansonsten gehört der Wald die nächsten Kilometer bis zum Ziel uns. Im mäßigen auf und ab durchqueren wir ihn.
Ohne Pause, weil alles nass ist, kommen wir nach Velerec und plaudern in Zeichensprache mit einem Bauern. Derweil beobachte ich, wie einer seiner Puter über den Zaun springt und ausbüchst. Ich zeige dahin und er geht los, um ihn wieder einzufangen.
Gornji Milonovac erscheint uns wohlhabender, den die Häuser kommen renoviert und mit Blumen im Vorgarten daher. Doch sobald wir ins Zentrum kommen ändert sich dieser Eindruck wieder. Wir setzen uns in ein Café, trinken Kaffee und buchen uns ein Appartement. Es ist bereits 18 Uhr und die Dame erwartet uns 20 Uhr. Der Hunger treibt uns auf Nahrungssuche und drei der Restaurants, die Google zeigt existieren nicht mehr. Dann finden wir das Restaurant "Tesla". Nicola Tesla wird in Serbien sehr verehrt und sein Name begegnet uns fast in jeder Stadt. Ursula war er ein Begriff, ich musste googeln.
Das Restaurant ist sehr ansprechend eingerichtet, die junge Kellnerin spricht Englisch und ist sehr freundlich. Sie nimmt meine " Radler- Mix- Bestellung" verwundert lächelnd auf. Dazu gibt es einen herrlich- körnigen Risotto und einen Salat. Erst beim Essen des selbigen merke ich, dass ich eigentlich einen anderen bestellt hatte. Egal, es schmeckt und das ist die Hauptsache.
Dann beziehen wir unser Apartment in einem hässlichen Häuserblock, aber hinter der Wohnungstür ist alles schick und sehr sauber. Die nette Vermieterin fällt aus allen Wolken, als sie hört dass wir per Fuss hier angekommen sind. Sie wohnt in der Nähe, doch fährt sie immer Auto und wandert nie. Naja!🫣
Aus Milano Milovac laufen wir am Donnerstag durch ein großes Industriegebiet hinaus. Ein riesiges Plastikwerk und eine "Schweizer" Schokoladenfabrik fallen durch ihre Größe besonders auf. Die Schweizer interessieren Ursula und so fragen wir den Pförtner, der uns erklärt, der Chef sei aus der Schweiz zurück gekehrt und habe die Firma aufgebaut. Aus der breiten Palette der Waren ist uns nur die "Eurocreme", das serbische Nutella, die hier überall in Backwaren ist, ein Begriff. Also hat es nichts mit der Schweiz zu tun.
Erst ist der Weg idyllisch, danach geht es an einer großen, stark befahrenen, kurvigen Fernverkehrsstraße entlang und wir bangen um unsere Sicherheit. Immer wieder bleiben wir stehen und machen uns über der Leitplanke dünn. Eine Alternative endet im Steinbruch und so müssen wir zurück und vorsichtig weiter laufen.
Endlich können wir die Straße verlassen und kommen an einer kleinen Konservenformat vorbei. Wir grüßen durch die offene Tür und winken den Leuten zu, die neugierig raus schauen. Eine Frau kommt uns hinterher und fragt, ob wir etwas Trinken wollen. Oh ja gern, einen Kaffee nach dem Nervenkitzel.
So lernen wir Djurdja und ihren Mann Goran sowie die Belegschaft ihrer kleinen Fabrik, in der alles noch Handarbeit ist, kennen.
Neben dem Kaffee gibt es natürlich auch Schnaps und die hier hergestellten Cornichons werden verkosten. Danach müssen wir noch die hier produzierte Pfirsichmarmelade mit Brot essen. Diese Kombination ist ungewöhnlich, aber beides schmeckt. Mit Übersetzer klappt die Unterhaltung super und Goran versucht, für uns ein Bett im Kloster für Samstag zu reservieren. Es geht niemand dran, doch er verspricht es später nochmals zu versuchen. Wir danken und gehen weiter. Was für eine schöne und herzliche Begegnung.
Nur hatten wir laut Booking ein Appartement mit zwei großen Betten gebucht und hier ist nur eines. Die Dame versteht das Problem nicht, da ihr Englisch nicht ausreicht und sie gibt uns den Chef, der super deutsch spricht und schon vorher am Telefon sehr nett war. Ich erkläre ihm kurz das Problem, dann will er mir einreden, ich hätte es falsch verstanden, doch die Angabe, die ich ihm vorlese ist eindeutig. Wir einigen uns, den Preis um 6€ zu reduzieren. Okay, er erklärt es der Dame. Als es zur Kasse geht, nimmt sie nur einen Obolus an und meint es sei ihr Fehler. Wir diskutieren, doch sie bleibt beim Nein. Uns ist unwohl dabei, wissen wir doch, dass der Verdienst in Serbien gering ist. Wir beschließen einfach den Rest auf dem Küchentisch liegen zu lassen. Eine Nacht "kuscheln" wird gehen.
Freitag morgen klingelt der Wecker und Ursula hat schlecht geschlafen, ist unsicher, ob wir weiter gehen sollen oder einen Tag Pause machen. Cacak ist "die Perle des Südens" und heute Abend ist ein Weinfest. Ich überlasse ihr die Entscheidung, denn ich habe Zeit.
Am Ende beschließen wir uns ein paar Sehenswürdigkeiten anzusehen und wenn es uns gefällt, suchen wir uns noch ein Bett.
Der Hauptplatz ist groß, das Rathaus saniert. Der Kulturpalast ein sozialistischer Prunkbau und eine gesichtsloses Einkaufszentrum.
Die Kirche wird gerade geöffnet und ist in ihren Farben eine Pracht.
In einer Bäckerei frühstücken wir und laufen in die Altstadt, die wir als solche nicht finden. Riesige Betonsilos dominieren das Bild und so ist klar, wir gehen weiter.
Am Ortsausgang steht eine weitere Kirche die aber geschlossen ist. Der dazugehörige Laden ist offen und so gehen wir hinein und fragen den Mann nach einem Stempel. Er spricht in den hinteren Raum. Ein Priester kommt vor und wir erklären noch einmal unser Anliegen. Er schaut sich meinen Pilger-Ausweis ganz genau an, dann telefoniert er und dann bekommen wir den Stempel. Die Hierarchie des Stempels haben wir noch nicht begriffen.
Nun müssen wir wieder an der Fernverkehrsstraße laufen und haben im Stadtbereich noch einen Fußweg. Der Verkehr ist immens und es rauscht in den Ohren. Plötzlich haben wir wieder einen kleinen, schwarzen, flauschigen Begleiter. Alle Versuche ihn zurück zuschicken scheitern.
Dann hört der Bürgersteig auf und am Straßenrand steht ein Grabstein. Wir versuchen nochmals den Hund zurück zuschicken und bespritzen ihn mit Wasser. Er fällt vor Schreck in den zugewachsenen Straßengraben und wir haben sofort ein schlechtes Gewissen und warten, ob er wieder durch das Dickicht rauskommt. Dann folgt er uns wieder und läuft auf der Straße. Autos hupen, eine Bremse quietscht und er rennt konfus hin und her und dann ein Aufprall...ich drehe mich um und sehe, wie er unter dem Auto vor rollt und im Gebüsch verschwindet. In mir steckt das Bild fest, ich werde starr und der Kopf ist plötzlich leer und ich laufe und will nur weg. Ich sehe, dass Ursula weint, nehme sie in den Arm und sage irgendetwas und fühle nur Leere. Nach hundert Metern halte ich an und wir diskutieren, ob wir zurück laufen und ihn suchen. Und dann? Gibt es einen Tierarzt? Wenn ja, wo? Hilft er, wenn es nicht unser Hund ist?
Dann kommt von hinten ein Bus und just in dem Moment als er auf unserer Höhe ist, überholt ihn ein PKW und fährt haarscharf an mir vorbei. Ich erschrecke und denke: ein Stolperer nach rechts...
Stumm gehen wir weiter und dann diskutieren wir noch einmal. Wir suchen einen Weg weg von der Straße und mit einem großen Umweg finden wir eine Alternative. Dann plötzlich löst sich der Schock, ich bekomme Atemnot, versuche langsam zu atmen und beginne zu heulen. Zum Glück ist Ursula da. Wir setzen uns auf eine Wiese und versuchen unsere Gefühle zu sortieren. Ich stelle gerade alles in Frage und fühle mich schuldig. Was mache ich hier? Ist das noch Pilgern? Wenn ich Adrenalin suche, würde ich bungee jumping machen, aber das suche ich nicht!
Wir gehen weiter und ich bin in meinem Gedankenkarussell gefangen und laufe automatisch Ursula nach. So kommen wir nach Slatina und im ersten Laden kaufen wir Wasser und Bananen. Ursula will mit 2000 Dinar (16€) die 2,50€ bezahlen und die Verkäuferin schimpft laut los. Ursula sagt, dass sie nichts versteht, da wird sie noch lauter, wirft ihr den Schein zu und ihre Kollegin schimpft nun auch. Ich sage kurz und scharf: Stopp, dann rede ich leise und langsam weiter: Jetzt beruhigen wir uns und kommen runter. Wir kaufen Wasser und Bananen und das sind Dinar, also ihre Währung und nun geben sie uns einfach das Restgeld raus. Alles auf deutsch, deutlich und bestimmt. Es wirkt, sie schimpft leiser und nimmt den Schein. Draußen fragen wir uns, was hier los ist. Ursula hat erst jetzt begriffen, dass sie kleineres Geld wollte. Ich bin erstaunt, dass meine Deeskalation so gewirkt hat.
Wir gehen zum ersten Restaurant und werden abgewiesen, dasselbe passiert bei den nächsten dreien, niemand hat etwas zu Essen. Was ist heute los? Es ist nicht unser Tag! Wir gehen zur Bäckerei, aber da ist auch schon alles ausverkauft. Ein Mann, Milos, fragt uns, ob wir essen wollen. Ja. Mit Übersetzer lädt er uns ein, da er gegrillt hat. Lieb, aber ich bin Vegetarierin. Da fragt er was wir essen. Ich zähle auf und er sagt, wir sollen auf dem Markt einkaufen, seine Mutter kocht uns etwas. Eier und Brot hat Milos und so kaufen wir für Salat ein. In seiner Bar nimmt die Mama alles entgegen und eine viertel Stunde später haben wir ein Mittagessen. Dazu mixe ich ein Radler und Ursula ein Bier. Ein Lichtblick an diesem harten Tag. Wir danken Milos und seiner Mama, bezahlen und ich verschenke noch meine Schokolade. Er hat den Tag gerettet und lässt mich an das Gute glauben.
Wir laufen weiter und ich falle zurück in die Gedankenspirale und nehme nur wenig von der Gegend war. Ich funktioniere, fühle mich aber ausgelaugt und müde. Der Weg ist weit und bei einer kleinen Pause unter einem Nussbaum in einem kleinen Dorf schenkt uns eine Frau Nektarinen. Wir danken, reden und sehen die kleine Geste als das Positive, was auf den sonst so miesen Tag folgt. Nun buchen noch das erste Bett, dass auf dem Weg kommt, denn in den kleinen Orten ist nichts zu finden.
Dann folgt uns wieder ein brauner Hinke- Hund und lässt sich nicht abwimmeln. Dejavu? Zu unserem Glück bleibt er bei einer Gruppe Jugendlicher zurück und wir gehen ohne Begleitung zur Hauptstraße, um zu unserem Hotel anzukommen. Es liegt direkt an der Straße und ich bitte an der Reception sofort um ein Zimmer nach hinten raus. Die Dame ist so lieb und tauscht unser Zimmer in der Reservierungsliste. So können wir ruhiger nach diesem harten, langen Tag schlafen. Wir waren 12 Stunden unterwegs und sind wegen der Umwege über 40 km gelaufen. Meine Füße brennen und ich habe eine neue Blase.













































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